Sonntag, 22. Februar 2009

Deutschland sucht den Superstar[rkopf]

Nachdem ich mich neulich bereits über das Format einer der vielen unsinnigen RTL-Sendungen ausgelassen habe, folgt hier erneut ein literarischer Rüffel an die Produzenten für ein Sendeformat, das vielversprechend angefangen und geklungen hat, aber mittlerweile nichts als Zurschaustellen und Erniedrigung ist.

Vom extrem herabwertenden Verhalten der Jury mal ganz abgesehen, finde ich alleine schon die redaktionelle Gestaltung des Sendeformats ziemlich menschenunwürdig, was zum Großteil den Einblendungen von Untertiteln und Animationen zu verdanken ist. Das macht die Kandidaten gezielt lächerlich und setzt sie allesamt dem Spott eines Millionenpublikums aus.So wird der gesamten DSDS-Zuschauerwelt suggeriert, dass antisoziales Verhalten und beleidigende Äußerungen alltäglich und normal sind. Die Erziehungsziele, die unsere Gesellschaft mit großen Gesten propagiert, wie Toleranz und Respekt, werden hier nicht gefördert, sondern verdrängt. Ich denke gerade jüngere Kinder, die sich das ansehen, werden dadurch total desorientiert, weil es gerade dem, was man ihnen predigt, komplett entgegenwirkt.

Dieter Bohlen ist das beste Beispiel dafür, wie man die Lust an Erniedrigung kultivieren kann, um Kapital daraus zu schlagen. Dieses alljährliche Zelebrieren medialer Brutalität ist nicht nur menschenverachtend, sondern verletzt gleichwohl die Grundregeln von demokratischem Zusammenleben. Ist es nicht jämmerlich, wie ein erwachsener Mann auf Kosten Jugendlicher an Quoten kommen will, und dafür jeden Preis bezahlt? Die jungen Menschen, die sich das ansehen, sind doch gerade noch in einem Alter, in dem man täglich auf einer Gratwanderung zwischen Ideal und Illusion ist. Die imaginäre Welt einer Fernseh-Community scheint so anziehend und "cool", dass Jugendliche alles auf sich nehmen, um einmal Teil dieser Gesellschaft zu sein. Und dies auszunutzen ist in meinen Augen das Letzte.

Aber was soll's. Das Leben im Dauercasting ist seit Jahren Alltag in Deutschland. Was wurde denn noch nicht gecastet? Gibt es bald Formate wie: Deutschland sucht die Supernutte? Oder: Deutschand sucht den Superzigarettenstopfer?

Andererseits kann es das nicht sein, dass wir das Trash-Fernsehen immer nur verteufeln. Man könnte so weit gehen zu sagen, dass durch dieses stupide Reality-TV sogar die Medienkompetenz der Zuschauer steigt. Als Reaktion auf diese Formate reden sich die Menschen die Mäuler wund, debattieren über Sinn und Unsinn dieser Machart, und fragen sich vielleicht bisweilen, was denn davon echt und was manipuliert ist. Auf diese Weise gewinnen bestimmt viele einen genaueren Einblick in die Mechanismen, die, entgegen weitläufiger Meinung, nicht nur bei Castingsendungen, sondern in der gesamten Medienwelt Anwendung finden. Denn Casting und Rollenspiel sind keineswegs nur Fernsehphänomene. Fragt sich nun, welche Wirkung auf Dauer dominieren wird ...

Wir befinden uns in einer Ökonomie der Selbstrepräsentation. Informationen zu vermitteln ist schon lange nicht mehr der Hauptsinn hinter den Medien. Heute geht es um Image. Selbst als Putzfrau soll ich wie Beyonce aussehen, und die Scheisse mit einem Lächeln aus der Kloschüssel kratzen, weil ich das moderne Reinigungsgewerbe repräsentiere.

Aber was soll das alles? Solange die ganzen Kids ihre Rolle weiter so perfekt spielen ist doch alles in Ordnung. Wie nach dem Bewerbertraining der Arbeitsagentur sprechen sie druckreif und wissen, was von ihnen verlangt wird.

Mir ist eine Mutter in Erinnerung, die beim Verlassen des Hotels nach dem Scheitern ihrer Tochter verlauten ließ: "Jetzt haben wir den Beweis, dass das alles nur Marketing ist."
Wenn sie wüsste, wie sehr das für uns alle gilt ...

1 Kommentar:

  1. Ich bin auch dieser Meinung, Chris, völlig einverstanden damit! Ganz gut gesagt! Grüße!

    AntwortenLöschen