Sonntag, 18. Januar 2009

Muss man Tote in den Himmel heben?

Eins vorweg: Bitte diesen Post nicht falsch verstehen und hinterher sagen "Die Igelballprinzessin ist auf der Seite von Kindermördern" oder ähnliches. Ich wollte nur mal einen Gedanken loswerden, weil er mir heute beim Nachdenken über den Tod der kleinen Kardelen gekommen ist. Natürlich gilt mein tiefstes Mitgefühl den Eltern und Verwandten des Mädchens.

Aber mein Gedanke war folgender: Warum ist es schlimmer, wenn ein Kind getötet wird, als wenn ein Erwachsener stirbt? (Bitte beachten: Ich rede vom Tötungsdelikt, nicht vom sexuellen Missbrauch!) Ob das wirklich so ist sei dahingestellt, jedenfalls wird es von den Medien so suggeriert. Wird an einem Kind ein Mordfall verübt, ist das ein riesen Skandal und wochenlang in allen Medien. Passiert etwas analoges einem Erwachsenen, wird das von den meisten gar nicht wahrgenommen, sofern es kein ganz besonders "harter" Fall ist.

Dass Kinder sich nicht wehren können könnte ein Grund sein. Dieser wird aber selten angeführt, auf die Frage, was denn daran so viel schlimmer ist. Häufiger höre ich die Begründung: So viel von ihrem Leben ist verlorengegangen, ihnen fehlt so viel. Aber kann man nicht immer nur das verlieren, was in der Gegenwart passiert? Vergangenes hat man bereits verloren, zukünftiges besitzt man noch gar nicht. Daher verliert doch quasi jeder Sterbende immer nur einen einzigen Augenblick, nicht mehr und nicht weniger, ganz unabhängig vom Alter.

Ein weiterer Gedanke, der gleich danach kam war dieser: Hört man von Toten (insbesondere von jüngeren Verstorbenen) eigentlich jemals, dass sie andere betrogen haben? Dass sie gelogen haben und anderen wehgetan? Dass sie Egomanen waren, geizig, beleidigend oder arrogant?

Zu meiner Schulzeit gab es einen Fall, da starb einer meiner Mitschüler, weil er nach einem Komasaufabend an seinem eigenen Erbrochenen erstickt ist. Plötzlich wollte ausnahmslos jeder Schüler meiner Schule seine Unterschrift und seine Trauerbekundungen auf Plakate schreiben. "Wir vermissen ihn so sehr", "seine Art fehlt uns", "er war so nett" und unzählige weitere Komplimente wurden dem jungen Mann von Menschen gemacht, von denen er den meisten nie in die Augen gesehen hat. Man lief aneinander vorbei - jahrelang. Plötzlich stirbt einer - plötzlich vermisst ihn jeder. Muss man da mitmachen?

Man gilt als kaltherzig und ohne jegliches Mitgefühl, wenn man nicht in der Woche nach dem Tod mit einem Trauergesicht durch die Schulgänge wandert, als wäre man bereits selbst eine Leiche. Nein, ich mochte ihn nicht. Er ist tot - was kümmerts mich? Und nein, das hat nichts damit zu tun, dass ich kein Mitgefühl habe. Klar ist es immer schrecklich wenn ein Mensch sein Leben gibt. Aber warum soll ich um einen Menschen trauern, den ich gar nicht kannte und vielleicht sogar gar nicht mochte? Nur weil er tot ist, werde ich nicht damit anfangen ihm Komplimente zu machen.

Und dass er auch selbst so schlau hätte sein können das Komasaufen zu unterlassen ... dass er dann noch am Leben wäre ... das traut sich keiner zu sagen. Das wäre taktlos. Und rücksichtslos. Auch wenn es die Wahrheit ist.

Stirbt ein Mensch wird er zum Heiligen. So hat man zumindest den Eindruck. Der junge Mann aus meiner Schule, von dem oben die Rede war hat offenbar nur Gutes vollbracht. Toller Charakter. Beliebt bis zum geht nicht mehr. Dass er mindestens vier Leuten durch extremes Mobbing und Erpressung die Jugend, vielleicht sogar das Leben, zerstört hat, will keiner wissen. Kann nicht sein. Er ist tot. Kann nicht sein.

Ich war die einzige in dieser Woche an meiner Schule, die lachend durchs Schulhaus gelaufen ist, als wäre nichts passiert. Denn für mich war nichts passiert. Von mir aus - nennt es taktlos oder rücksichtslos, aber alles andere ist Show und Maske. Und die hab ich nicht.

Kommentare:

  1. Respekt! So einen und ähnliche Fälle kenne ich auch. Aus meinem Leben. In welchem nicht geheuchelt wird.

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  2. Jap! Das ewige Geheuchle (richtig so?) kenn ich auch und kanns gar nich leiden! Vor knapp 2 Jahren starb die erste meiner Großmütter. Das Geheule im Dorf war riesig, aber eigentlich konnte sie schon vorher niemand leiden...Der Friedhof war brechend voll und jeder war ja "ach so traurig". Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber nicht mal meine Mutter hat um ihre Mutter getrauert. Die Frau war ein Biest und fertig.
    Da war die Trauer um meine andre Oma (verstorben am 11.1.09) wesentlich größer. Der Friedhof war zwar nahezu leer, aber die, die kamen, waren wirklich traurig, denn diese Oma war endlos lieb und gütig...

    Lange Rede, wenig Sinn: Warum Trauer heucheln, wenn einem an dem Verstorbenen nix liegt oder man ihn nicht mal gekannt hat?!

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