Freitag, 9. Januar 2009

Merckle - Flucht vor der Pflicht?


Ich kann nicht anders, auch ich muss nun meinen Senf zu diesem Ereignis abgeben. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, kein Wort darüber zu verlieren, weil ich es anmassend für unsere Gesellschaft finde, dass dieser Fall nun medial so vergewaltigt und hochgepusht wird. Wenn sich irgendein Hinterwäldler erhängt gibts im besten Falle eine Randnotiz in der Lokalzeitung, aber kaum stirbt ein Reicher ist das plötzlich ein Fall für die bundesweiten Medien.
Mir gehts auch gar nicht um die Infos, die bekommt man ja heuer an allen Ecken.

Was ich nun schon für Kommentare zu diesem Fall hören und lesen musste macht mich wirklich traurig. "Gier des Millionärs", "feige", "Sich der Verantwortung entzogen", "Gier frisst Hirn" etc.pp.

Zunächst mal eine Klärung. Ja, Merckles Unternehmen waren in eine schiefe Bahn geraten. Aber in Anbetracht dessen, dass auch "Ratiopharm" dazu gehörte erscheint die Summe des Überbrückungskredites, den er gebraucht hat, schon nicht mehr ganz so hoch. Zudem war der Kredit nicht mal abgelehnt worden. Deshalb finde ich es bedauerlich, dass Menschen ihm nun Profitgier vorwerfen und das als einen Grund für die Selbsttötung proklamieren. Dass hinter so einer Aktion nahezu immer eine schwere Depression steht - davon will keiner was hören. Niemand wusste, was wirklich in ihm vorgeht und keiner darf sich erlauben so über seinen Zustand und seine Gedanken zu urteilen, wie das gerade gemacht wird.

Zudem hat er sich kurz vor seinem Suizid noch um alle nötigen Unterschriften etc. gekümmert, dass sein Unternehmen auch nach seinem Tod gerettet und weitergeführt werden kann. Daher kann man ihm wirklich nicht vorwerfen, sich der Verantwortung entzogen zu haben.

Ich war wirklich erschüttert darüber, wie herzlos sich manche über einen toten Menschen auslassen können. Statt die Motive zu zerpflücken, die ihn dazu getrieben haben könnten, wäre es wesentlich wichtiger, den Angehörigen Hilfe und Mut zukommen zu lassen, schließlich haben sie einen Menschen verloren, der ihnen sehr wichtig war.

Von der christlichen Fraktion hört man immer wieder das Wort "Sünde". Der Freitod sei eine bewusst gewählt Sünde und führe direkt ins Höllenfeuer, mal überspitzt ausgedrückt. Komischerweise sagen sie das alle, bis sie selbst einmal am Boden liegen und mit dem Gedanken spielen, sich das Leben zu nehmen. Immer nur meckern und anklagen, das können sie. Über Dinge urteilen, von denen sie keine Ahnung haben. Ich frage mich wie Menschen sich nur so sicher sein können, selbst NIE in eine solche Lebenskrise zu geraten. Es kann jeden treffen, auch wenn du heute überglücklich bist und über Selbstmörder noch schimpfst.

Fakt ist, dass wir uns alle nicht hineinversetzen können in einen Menschen in einer Position, bei der man derart viel Verantwortung zu tragen hat, daher steht es uns in keinster Weise zu über seine Motive zu spekulieren oder ihm gar Vorwürfe zu machen.

Mercki ... R.I.P., ich bin auf deiner Seite.

Kommentare:

  1. Also ich finde es schade ( wie du bereits erwähnt hast), dass die Medien darüber wieder so herziehen. Das ist einfach schrecklich. Jedoch finde ich diese Aktion von Merckle feige, er hatte sich verspekuliert und muss nun dafür gerade stehen. Den Freitod zu wählen ist einfach nur feige, seine Familie und Freunde müssen es ausbaden.

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  2. Schade, dass du das so siehst. Wie bereits geschrieben hat er sich sich sicher nicht nur aufgrund seiner Verspekulationen das Leben genommen, auch wenn ich mir nicht zugestehe das zu wissen. Auch ein Suizid kostet Überwindung, schließlich ist es eine Reise ohne Rückfahrschein. Und ich bin sicher, dass viele sich diesen Ausweg wünschen, aber nicht genug Mut aufbringen können, ihn tatsächlich zu gehen. (Womit ich in keinster Weise eine Selbsttötung verherrlichen möchte. Ich finde es nur schade so etwas mit Feigheit zu betiteln.)

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  3. Es ist einfach nur jämmerlich, wie die Medien seinen Freitod ausschlachten und bei der Berichterstattung unter den Tisch fallen lassen, daß er nicht nur für die finanzielle Schieflage der Unternehmen, sondern auch für deren Existenz verantwortlich war. Auch wird kaum über sein großes karitatives Engagement berichtet.
    Freitod steht für mich nicht für Feigheit - es ist eine persönliche Entscheidung (die Art und Weise, einen Zugführer quasi damit hineinzuziehen - über den natürlich nicht berichtet wird) ist allerdings mehr als zu missbiliigen.

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