Freitag, 21. August 2009

Was Journalisten und Punks gemeinsam haben

Schade, dass ich mich neuerdings auf das Thema "beschissener Journalismus" beschränke, aber es tanzt mir doch täglich allzu präsent und penetrant vor der Nase herum, dass ich es einfach nicht ignorieren kann.

Die BILD habe ich genug denunziert. Es mag den Eindruck machen, ich halte alle anderen Zeitschriften/Zeitungen für kompetent und glaubwürdig, aber dem ist nicht so.

Neulich war der Dalai Lama zu Besuch in Deutschland, was natürlich überall der Reisser in den Medien war. UUhhhh, der Guru der Weisheit persönlich besucht törichte, dumme, unweise, schlechte und unglückliche Menschlein wie uns.

Jedenfalls dachte auch der stern, dass er damit für eine Woche sein Titelthema sicher hätte, über das man so einiges "recherchieren" könnte, weil der Rest der Welt dies "kaum hinterfrage" (sic). Entschuldigung, dass ich lache ... aber wenn der stern von hinterfragen redet kommen mir die Lachtränen. Na bitte - der stern recherchierte ... und fand so manches heraus.

Zum einen, dass es am Hofe des Dalai Lama keine Demokratie gäbe, da er von Ritualen beherrscht sei, die mit westlicher Toleranz und Transparenz wenig gemein hätten. Hier muss ich ein weiteres Mal lachen. Gibt es eine Religion, in der Demokratie einen Platz findet? Zumindest ich dachte immer, dass der Sinn von Religion genau darin liegt - dass die Macht von oben kommt, nicht von unten. Und was bitte ist westliche Toleranz? Ich weiß nicht, welchen Westen der stern meint. Aber der, in dem ich lebe, und der, der noch weiter westlich ist, die haben am allerwenigsten mit Toleranz gemein.

Die Kritik beschränkte sich allerdings nicht auf das Demokratieverständnis des sterns. Zum Vorwurf machte man dem Dalai Lama außerdem, dass er mit seinem ehemaligen Lehrer befreundet gewesen sei. Denn dieser - huch - war ein Nazi gewesen. Mein lieber stern! Du vergisst, wo du herkommst! Stern-Gründer Henri Jannen selbst hat im Völkischen Beobachter Naziartikel geschrieben, und steht obendrein dazu. Dass er in einer SS-Propagandaeinheit tätig war, wird auch lieber verschwiegen. Heißt also, bis zu seinem Tode, hätte keiner mehr mit ihm befreundet sein dürfen (frei nach stern). Also wenn jemand einen Fehler gemacht oder ein Verbrechen begangen hat, darf man niemals wieder mit ihm befreundet sein.

Aber wem kann man einen Vorwurf machen? Wir Menschen wollen doch nicht hören, dass alles so ist, wie wir es uns vorstellen. Wir wollen überrascht, schockiert, überrumpelt werden. Nur dann kaufen und lesen wir Zeitung. Von 360 ° Drehungen will keiner etwas wissen.

Darum, liebe Kollegen vom stern, sind wir euch auch nicht böse, weil ihr nur versucht euren Job zu machen.

Ich befürchte mit dem Wort "Journalismus" ist in den letzten Jahren ähnliches passiert, wie mit dem Wort "Punk". Geniale Grundidee, aber zur Modebezeichnung verkommen, die sich jeder gerne ansteckt (oder anstecken würde) - ob aus Prestigegründen oder Pseudocoolness.

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